Interview mit Jochen Rolle von der Lebenshilfe Wetterau e.V.

Jochen Rolle engagiert sich seit Jahren bei der Lebenshilfe Wetterau e.V. und leitet seit 2017 die InKA Wetterau gGmbh in Bad Nauheim, ein unabhängiger und gemeinnütziger Dienst, zur Förderung betrieblicher Inklusion. Auch bei der Gründung der inklusiven Sophie-Scholl-Grundschule in Bad Nauheim war er aktiv beteiligt. Wir haben ihn getroffen und mit ihm über seine Arbeit, seine Motivation und natürlich die Gebärden-unterstützende Kommunikation gesprochen.

 

 

Du engagierst dich in der Lebenshilfe Wetterau, seit 2017 leitest du die InKa Wetterau und du hast die inklusive Sophie Scholl Schule in Bad Nauheim mitbegründet. Wie bist du dazu gekommen?


Jochen: Über meine Tochter Julia, sie hat selbst das Down-Syndrom. Die Sophie Scholl Schule haben wir damals mitbegründet, als wir eine Schule für unsere Tochter gesucht haben. Wir hatten erst regional geschaut, aber keine Schule gefunden, die wirklich gewillt war, Inklusion zu betreiben. Doch dann sind wir auf die Sophie Scholl Schule in Gießen gestoßen und fanden das Konzept super :). Mit der Unterstützung einiger Eltern, der Lebenshilfe Wetterau und Gießen konnten wir diese Schule dann auch bei uns in Bad Nauheim gründen. Die erste Klasse bestand aus 17 Schüler:innen, für unsere Tochter war es damals zwar zu spät, aber sie ist dann auf die Schule in Gießen gegangen.  

Deine Tochter hat selbst das Down Syndrom. Habt ihr als Familie auch Gebärden verwendet? Oder Erfahrung mit der Gebärden-unterstützenden Kommunikation gesammelt?


Jochen: Wir haben ganz am Anfang, da war Julia so eineinhalb Jahre alt, mit der Gebärden-unterstützten Kommunikation gearbeitet. Sie hat das auch gut angenommen, aber Julia hat sehr schnell für sich erkannt, dass das Sprechen viel schneller und effektiver geht, das ging recht fix bei ihr. 

Was ist deine Motivation? Was sind deine Ziele?


Jochen: Meine Motivation ist ganz klar meine Tochter. Mein Ziel ist es auf jeden Fall, das Inklusion Normalität ist. Die Haltung der Leute verändern und ihnen sagen “Hey, lasst euch doch mal darauf ein!”. Mein Ziel für InKA ist es, möglichst viele Berührungspunkte zu schaffen und Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

Was bedeuten Inklusion und Toleranz für dich?


Jochen: Inklusion ist eine Sache der Haltung, eine Einstellung. Eigentlich ist Inklusion eine Art Willkommens-Kultur: Alles ist offen, für alle. Und dann kann man schauen, ob jemand einen besonderen Bedarf hat. Bist du Veganer, brauchst du eine Betreuungskraft oder musst du Barrierefreiheit haben? Dann sprich mich darauf an und wir versuchen Lösungen zu finden. Das ist diese Grundhaltung, die du haben musst. Und ich bin der Meinung, dass du diese Haltung erst dann bekommen kannst, wenn du regelmäßig Berührungspunkte und Kontakte hast. 

Was war denn dein liebstes Projekt, an dem du bisher gearbeitet hast?


Jochen: Oh, ich freue mich immer, wenn man die Ergebnisse, die stolzen Menschen sieht. Ich habe hier bei InKA z.B. einen jungen Mann mit Autismus, den wir seit 4 Jahren begleiten. Er hat jetzt als erster Autist in Deutschland ein FSJ machen können und macht dort nun auch sein Langzeitpraktikum. Diesen jungen Mann sehen wir nun oft selbstständig in Bad Nauheim durch die Gegend laufen, der grüßt die Leute, das macht mir immer Freude, wenn ich das sehe. Also, wenn die Dinge gelingen und du etwas bewegen kannst, das ist immer sehr motivierend.

Was würdest du dir für die Zukunft wünschen?


Jochen: Eine tolerante Willkommenskultur, noch mehr Offenheit. Eine vereinfachter Bürokratie und eine pro-aktive Beratung. Das erleben wir hier bei der Lebenshilfe und der InKA so oft, dass die Eltern gar nicht wissen, was ihnen und ihren Kindern eigentlich zusteht, die bürokratischen Hürden sind ein Albtraum. Eine lebensbegleitende “Ich nehme dich an die Hand” Einstellung, das wäre klasse.

 


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