Die vielen Sprachen eines Kindes – und warum Kommunikation mehr ist als Worte
Die vielen Sprachen eines Kindes – und warum Kommunikation mehr ist als Worte
Ein Erfahrungsbericht über Sprache, Gebärdenunterstützende Kommunikation (GuK) und das Vertrauen in das eigene Tempo.
Ich bin Mama eines Kindes mit Trisomie 21 und Autismus – eine Kombination, die viele Fragen aufwirft, besonders beim Sprechenlernen. In diesem Beitrag erzähle ich von unserem Weg: wie N. seine Sprache findet, welche Rolle Gebärdenunterstützte Kommunikation dabei spielt und wie er meinen Blick auf Kommunikation verändert hat.

„Hundert Sprachen hat das Kind“ – dieser Satz von Loris Malaguzzi aus der Reggio-Pädagogik hat mich schon begleitet, lange bevor mein Sohn zur Welt kam. Diese Idee, dass Kinder auf unzählige Arten sprechen, fühlen und die Welt begreifen, hat meine Haltung grundlegend verändert. Sprache ist vielfältiger, als wir denken – und für jedes Kind einzigartig.
Die Lautsprache gilt oft als Maß aller Dinge. Dabei erzählen Kinder ständig – mit Blicken, Gesten, Bewegungen, Lauten, mit Nähe und sogar mit Stille.
Für N. war das Sprechenlernen von Beginn an eine Herausforderung. Während andere Kleinkinder spielerisch mit Lauten experimentieren, beobachtete er lieber. Jahrelang hörte er zu, saugte Eindrücke auf, ohne selbst etwas zu sagen. Erst viel später begann er vorsichtig, mit seiner Stimme zu experimentieren – kleine Laute, die irgendwann zu Bedeutungen wurden.
Als ich merkte, wie schwer ihm die Lautsprache fiel, begann ich, Gebärdenunterstützende Kommunikation in unseren Alltag einzuflechten. Sanft, beiläufig – ohne Druck. Doch N. lehnte zunächst ab. Rückblickend weiß ich: Auch dafür braucht es Zeit. Und die wollten wir ihm geben. Denn Vertrauen ist der Boden, auf dem Sprache wachsen kann. Wenn N. heute seine Worte findet und sie mit ganzer Kraft formt, sind wir ganz bei ihm, präsent, mit Augen, Händen, Ohren und Herz. Wir schauen einander an, folgen seinen Gesten, lauschen seinen Lauten – und bauen gemeinsam kleine Brücken, die unsere Welten verbinden.
GuK als Einladung – nicht als Erwartung
Auch wenn N. die Gebärden damals nicht aktiv nutzte, blieb GuK eine wichtige innere Haltung, nämlich dass Sprache immer einen Weg findet.
Wenn wir Räume öffnen, statt Vorgaben zu machen. Wenn wir nicht sagen: „Mach mal!“ oder „So geht das!“, sondern ihm die nonverbale Botschaft vermitteln: „Ich sehe dich. Ich höre dich. Deine Art zu sprechen ist willkommen.“
Heute ist N. sieben Jahre alt und ein richtiges „Plappermäulchen”. Er liebt es sich auszudrücken, Sprache zu lauschen und neue Worte zu entdecken. Er spricht Zwei-Wort-Sätze, nutzt Begriffe, die er braucht, und teilt uns mit, was ihn beschäftigt. Wir begegnen seiner Sprache als gleichwertig – nicht als Version, die „korrigiert“ oder „richtig” gemacht werden müsste.
Wir spiegeln seine Worte, wiederholen, was wir verstanden haben. So entsteht ein echter Dialog – einer, der zeigt: Kommunikation besteht nicht aus Perfektion, sondern aus Verbindung.
Wie Kommunikation gelingt
Tatsächlich spricht N. manche Wörter klar und deutlich, während bei anderen Buchstaben fehlen oder Laute ineinanderfließen. Für Menschen, die nicht täglich mit ihm zusammen sind, kann das anfangs herausfordernd sein. Doch unsere Erfahrung zeigt: Verständigung findet trotzdem statt, denn Sprache trägt viele Farben.
Ob mit Händen und Füßen, mit Blicken, Gesten oder kleinen Hinweisen – bisher hat noch jeder einen Weg gefunden, N. zu verstehen. Und oft entsteht gerade dadurch ein besonderes Gefühl von Nähe, ein gemeinsames Erfolgserlebnis, ein Moment echter Verbundenheit und Zugehörigkeit.
Natürlich fragen Menschen manchmal:
„Was ist, wenn andere seine Sprache nicht verstehen?“ Ja, solche Gedanken berühren uns. Doch wir wissen: N. wird Menschen begegnen, die nicht nur mit den Ohren hören, sondern mit dem Herzen. Menschen, die bereit sind zuzuhören – ob er Worte nutzt, Gebärden, Blicke oder Laute.
Und genau darin liegt für mich eine besondere Stärke der Gebärdenunterstützenden Kommunikation: Sie eröffnet Wege. Sie schafft Verbindung, wo Lautsprache Grenzen hat. Sie entlastet und ermöglicht Selbstwirksamkeit.
GuK ist eine Erweiterung zu den vielen Sprachen, die ein Kind von Natur aus mitbringt.
Aus eigenem Antrieb lernen
Als Eltern ist es uns wichtig, dass N. intrinsisch motiviert lernt und wächst. Denn nur dann entsteht echtes Vertrauen in die eigene Stärke, in das Können, in die Wahrnehmung der eigenen Grenzen und in die Gefühle, die damit einhergehen.
Bevor Kinder mit Worten sprechen, sprechen sie mit ihrem Körper. Während N. sprachlich lange pausierte, brauchte er für seine motorische Entwicklung mehr Zeit. Gehen, Klettern, Balancieren, unterschiedliche Untergründe sind bis heute noch tägliches Üben und Herantasten, langsam, stetig, in seinem Tempo. Und so ist es auch mit dem Erlernen der Sprache.
Diese Beobachtungen haben uns gezeigt, dass Entwicklung kein Wettlauf ist. Genauso wie neurotypische Kinder, lernen auch neurodivergente Kinder sehr individuell. Eines ist ihnen jedoch gleich, sie lernen dann am besten, wenn sie innerlich dafür bereit sind. Wenn Begeisterung und Sicherheit zusammenkommen. Wenn sie etwas aus eigenem Antrieb tun.
Sprache und Bewegung sind untrennbar miteinander verbunden. Beides entsteht in einem Netzwerk aus Wahrnehmung, Motorik, sozialer Interaktion und emotionaler Sicherheit.
Sprachförderung, passiert im Alltag
Für uns bedeutet Sprachförderung kein erzwungenes Training, keine erwartungsvollen Programme, keine künstlichen Situationen.
Sprachförderung passiert jeden Tag:
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im gemeinsamen Blickkontakt
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in Gesten und Handzeichen
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in Ritualen
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in Liedern und Fingerspielen
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in Büchern und Hörspielen
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in kleinen Momenten echter Aufmerksamkeit
All das ist Kommunikation. All das ist Sprache.
GuK fügt sich in diesen Alltag ein wie ein natürlicher Begleiter. Sie unterstützt, wo Worte fehlen, und stärkt, was noch wachsen darf.
Wir sprechen mit N. ganz selbstverständlich – weil wir wissen, dass er alles versteht. Und er weiß, dass wir ihn auch verstehen. Nicht immer perfekt, aber immer aufrichtig.
So wächst Sprache leise. Nicht durch Druck. Nicht durch Korrekturen. Sondern durch Begegnung. Jedes Kind hat hundert Sprachen und jede davon ist willkommen!
Von: Verena Haselmayr dipl. Päd. | freiberufliche Texterin | Autorin
Kontakt: verena.haselmayr@gmx.at
